Zeit für mich. Wie ich wieder sensibel für meine eigenen Grenzen geworden bin.

24.10.17

Endlich wieder sensibel für meine eigenen Grenzen sein können. Das wärs doch, oder? Wie oft bist du in den letzten Monaten über deine eigenen Grenzen gegangen? Wie oft hast du dir letzte Woche gedacht, „ach komm, stell dich nicht so an?“. Wie oft gehen wir mit uns selbst in Konkurrenz? Beginnen uns vor uns selbst zu rechtfertigen? Ertappen uns, wie wir uns diese inneren Glaubenssätze immer und immer wieder selbst sagen. „Reiss dich mal zusammen.“, „Es gibt wirklich schlimmeres“ oder auch „Augen zu und durch.“ 

Diese Worte haben mich krank gemacht. Immer und immer wieder. Deshalb: Musterunterbrechung.

Ich mag nicht mehr. Ich mag nicht mehr stark sein, damit ich mich irgendwelchen gesellschaftlichen Normen eingliedern kann. Ich mag nicht mehr taff sein, obwohl ich innerlich leer und müde bin. Ich möchte mich nicht mehr zusammenreissen müssen. Das klingt schon so nach Schmerzen. Ich möchte nicht mehr stark sein, damit ich andere vor der Hilflosigkeit meiner Schwäche beschütze. Ich möchte mich nicht mehr dafür entschuldigen, dass ich immer noch nicht über uns hinweg bin, dass ich dir wieder zuerst schreibe, dass ich weine, wenn ich an deinen Todestag denke. Ich möchte nicht, dass die Menschen über mich sagen „man, du bist so stark“ oder „die siehst du nie weinen“. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass ich meine eigenen Grenzen so verschoben wahrgenommen habe? Wie konnte es passieren, dass ich meine eigenen Empfindungen plötzlich abgestellt habe? Meine Wahrnehmung und die Intensität der Gefühle untergeordnet habe? Als ich das erste mal mit meinen eigenen Grenzen konfrontiert wurde war ich nicht nur sprachlos sondern irgendwie auch überfordert.

Dieses Jahr ist ein ganz besonderes für mich. Es ist das Jahr der großen Schritte. Und letzte Woche bin ich einen besonders großen gegangen. Ich habe den Explore to Create am letzen Tag abgebrochen, ich konnte einfach nicht mehr. Ich habe Marina mit den Teilnehmern die letzten Stunden alleine gelassen, habe mich ins Auto gesetzt und bin 240km zu einem Arzt gefahren, weil ich so unglaublich große Schmerzen hatte. Da war nichts mehr mit zusammenreissen, da gehts nicht mehr um stark sein. Wie kann ich eine Woche lange mit sechs anderen Menschen auf einer Hütte über die eigenen Intuitionen und Wahrnehmungen sprechen, immer wieder predigen, wie wichtig es doch ist, seine eigenen Wahrheiten anzunehmen und mich dann selbst zu etwas zwingen was nicht gut ist? Ich habe meine Sachen gepackt, fast im gleichen Zuge meine Island Reise abgeblasen und einfach das getan, was mein Körper mir geraten hat: Hilfe holen & Raus aus allem. Wenn ich eine Sache mit stolz sagen kann, dann dass ich dieses Jahr nicht mehr über meine eigenen Grenzen gegangen bin. Es gab keinen Stress mehr in meinem Leben. Ich lasse mich nicht mehr stressen. Es ist mir egal geworden, was andere darüber denken, denn meine Gesundheit ist mir am wichtigsten. 

Ich erinnere mich an so viele Momente, in denen Marina und ich die Armen über dem Kopf zusammen geschlagen haben, weil wir vor Arbeit, Aufgaben und Terminen fast erstickt wären. Aber wir haben uns eine Sache vor genommen: wir möchten laut & glücklich sein. Und deshalb gab es in diesem Jahr nicht einen Tag, an dem wir nicht aus vollem Herzen gelacht haben. Es gab nicht einen Tag, an dem die Zeit nicht irgendwann mal kurz stehen geblieben ist, in der wir geträumt haben oder einfach mal eine Sekunde lang alles unwichtig war. Wir haben bewusst Entscheidungen GEGEN Business, neue Aufträge und Jobs getroffen, weil wir damit unsere Grenzen übergangen wären. Wir haben uns dieses Jahr immer für uns entschieden. Für unser Wohl. Und ich bin so unendlich dankbar, dass ich durch Marina ein Stück dieser Sensibilität für meine eigenen Grenzen zurück gewinnen durfte. Wie sagte sie irgendwann mal so schön „Ich kann das nicht machen, weil das mein Glück gefährden würde.“ Da war mir klar: ich möchte ehrlich zu mir selbst sein. Nicht stark. Ich möchte stark sein, weil ich schwach sein kann. Und stark sein, weil ich nein sagen kann. Und weil ich mein eigenes Wohl immer über das stelle, was ich dachte, das andere von mir erwarten.

Wie ich zu diesem Punkt gekommen bin? Ganz einfach. Ich bin feinfühlig für meine Traurigkeit geworden. Ich habe all die Tränen nachgeholt, mich fallen lassen, mich anvertraut, mich weich werden lassen, ich habe mir Auszeiten genommen, wenn ich das Gefühl hatte, es wird mir zu viel. Ich habe mir immer wieder gesagt: Ich entscheide mich, mich noch nicht zu entscheiden. Und habe mir damit so viel Druck genommen. Ich habe meine Impulse und meine daraus entstandenen Resultate immer versucht durch Liebe und nicht durch Angst zu sehen. Ich habe darauf vertraut, dass alles genau so passiert, wie es passieren muss. Und, dass das Leben das beste für mich bereit hält. Ich habe mich einfach in Vertrauen geübt und in zuhören. „Zuhören“ denkst du jetzt, ja das kann ich auch. Aber wann hast du das letzte mal dir selbst zugehört? Wann hast du dir mal Zeit genommen, ganz tief in dich zu hören und zu lauschen, was dein Körper dir eigentlich sagt? Ich habe dieses Jahr so unendlich viele Nächte alleine in Hotelbetten verbracht. Ganz leise, ohne Fernsehr, ich glaube der lief in diesem ganzen Jahr kein einziges mal. Ich war ganz leise und ganz feinfühlig. Und habe mich einfach nur um mich gekümmert. Mir Zeit genommen alte Wunden zu heilen und mich für neue Abenteuer zu stärken. Ich habe mir meine eigenen Podcasts angehört, weil ich es spannend fand, mir selbst zuzuhören, ich habe meine alten Blogposts gelesen um zu erfahren, wie ich die Dinge damals gesehen habe. Ich habe mir Mails von Freunden durchgelesen um zu sehen wie ich früher mit Dingen umgegangen bin. Ich habe mir Zeit genommen. Nur für mich. Ich habe mich stundenlang im Spiegel angeschaut. Und mir einfach Zeit genommen mir mal wieder so richtig in die Augen zu schauen. Und jetzt ist sie wieder da, die Zeit der leisen Abende. In denen Marina und ich mit vielen Kerzen in der frühen Dunkelheit sitzen. Manchmal hört man Stunden lang nichts außer das tippen auf unserer Tastatur, das klicken der Maus, die leisen Töne der Klaviermusik im Hintergrund. Manchmal ist da einfach nichts außer ein Blick. Und dann schauen wir uns an und lächeln, weil wir einfach glücklich sind. Glücklich in der leisen Melancholie des Moments. Glücklich trotz, oder vielleicht gar wegen der Ruhe, der Dunkelheit und der einkehrenden Winters.