Die Licht- und Schattenseiten von Erfolg über Social Media.

22.01.17

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich diesen Blogpost beginnen soll. Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, mir die Zeit zu nehmen und über diese Dinge zu schreiben. Auf der einen Seite, weil ich das Gefühl habe, Menschen die Augen zu öffnen, auf der anderen Seite, weil ich weiß, dass ich vielen anderen damit aus der Seele spreche. Zunächst muss ich etwas ausholen.

Das Jahr 2016 war für mich vermutlich eines der intensivsten meines Lebens. In diesem Jahr hat sich in meinem Leben so unglaublich viel verändert. So viele Wunden sind geheilt, so viele Dinge sind gut geworden. Nicht, weil es mir einfach so zugeflogen ist. Sondern weil ich mir ganz gezielt Zeit für mich genommen habe. Ich habe meine ganze Kraft gesammelt und mich entschieden, sie in mich zu investieren. In meine Zukunft, meine Stärken, in Beziehungen, die mich stärken, in Dinge, die mich glücklich machen. Ja, ich kann sagen, dass ich in diesem Jahr mehr zu mir gefunden habe. Mein Leben hat sich immer viel um die anderen gedreht. Ich habe das Wohl und das Glück von anderen Menschen oft vor mein eigenes gestellt. Unterm Strich hat mich das letztendlich viel mehr gekostet, als ich gedacht habe. Anfang des Jahres war ich 10 Wochen raus aus allem. Diese Zeit habe ich in den Bergen verbracht. 10 Wochen kein Internet, kein Social Media, kaum Besuch. Es war wirklich ein intensiver Prozess. Für mich stand immer wieder das Wort „nachgeben“ im Mittelpunkt. Denn ich weiß, um so mehr ich gegen Gefühle und Bedürfnisse ankämpfe und sie verdränge… um so mehr drängen sie sich in den Vordergrund. Ich habe zugelassen. Hingeschaut. Und mich entschieden, dass ich jetzt dran bin. 

Die letzten Jahre waren neben all den wunderschönen Momenten, den Erfolgen und den unfassbar tollen Erlebnissen auch voller Trauer. Der Tod meines Papas war der schlimmste Schicksalsschlag meines Lebens. Und bei dem Verlust eines so wichtigen Menschen ist es nicht alleine sein Platz, der leer ist. Eine ganze Familie verändert sich dadurch. Alles verschiebt sich. Wir versuchen, die Lücke, die der geliebte Mensch hinterlässt, irgendwie zu kompensieren. Es sind neben dem großen Abschied, ganz viele kleine Abschiede. Ich habe lange funktioniert. Eigentlich so lange, bis mein Körper einfach nicht mehr mitgemacht hat. Heute sag ich: Gott sei Dank. Und danke.

Mit dieser neuen Selbstliebe und dem gesunden Egoismus, der sich so langsam aufgebaut hat, sind zwei Dinge passiert: Einerseits wurde ich stärker und glücklicher. Und auf der anderen Seite waren damit wieder neue Abschiede verbunden. Abschiede von Menschen, die mit dieser Veränderung nicht mehr klar kamen. Für die es neu war, dass ich nicht mehr uneingeschränkt ihr Wohl vor meins gestellt habe. Abschiede von Verhaltensmustern, die für mich ganz einfach nicht mehr funktioniert haben. Abschiede von Bindungen, die mich nicht mehr glücklich gemacht haben. Ich war so unendlich müde davon, Menschen mit zu ziehen. Immer die treibende und die ziehende Kraft zu sein.

Gegen Mitte des Jahres war ich dann in meiner vollen Kraft. Die Woche meines Geburtstags und der Bergtour im Allgäu war, glaube ich, die schönste Woche seit vielen, vielen Jahren. Ich war frei. Ich war glücklich. Ich war angekommen. Und ich war mir selbst so genug. 

Nun aber zu Social Media.

Immer mehr Menschen haben mir gemailt, wie inspirierend ich für sie sei. Wie beeindruckt sie von meiner Stärke und meinem Lebensmut sind. Sie haben mir geschrieben, wie ich ihnen Mut mache. Manche Mails und Briefe haben mich zu Tränen gerührt. Menschen dort außen haben mir ihre schlimmsten Geschichten geschrieben, mir von ihren Ängsten erzählt. Mir geschrieben, dass sie meine Energie bewundern. Sie nannten mich ein Vorbild, eine Inspiration, eine Motivation. Mich hat das unglaublich berührt und nachdenklich gemacht. Und ich denke, viele von euch werden gemerkt haben, dass ich seit dem Sommer sehr viel von mir preisgegeben habe. Ich habe euch mitgenommen in meinen Alltag, euch durch Kanäle wie Snapchat oder Instagram Stories von meinen Fehlern und Erfolgen erzählt. Ich habe euch an meinen Routinen teilhaben lassen, mit euch geteilt, welche Quellen mich inspirieren, welche Dinge mir geholfen haben in diese Kraft zu kommen. Ich habe einen inneren Teil von mir nach außen gekehrt, um anderen Menschen damit Mut zu machen. Und ich will gar nicht sagen, dass ich euch damit einen Teil von mir gegeben habe. Nein, viel mehr haben wir uns gegenseitig damit motiviert.

Und natürlich fragen sich alle Menschen, die mit Social Media zu tun haben, ob es wirklich sinnvoll ist, von sich privat viel zu posten? Ich habe wieder zwei Dinge erfahren: 1. Umso mehr ich euch an meinem Leben hab teilhaben lassen, desto mehr Feedback kam zurück. Foreverly hat mich unter die besten Snapchat Accounts gewählt und über mich geschrieben: „Sie zeigt uns, wie der Alltag einer Fotografin ist und kommt dabei so sympathisch rüber, dass man sie am liebsten als beste Freundin haben möchte.“ Zeitgleich kamen ganz viele Anfragen für Einzelcoachings, für Workshops, ich wurde als Speaker für Konferenzen gebucht und habe auf einmal am Tag dreimal mehr Mails bekommen. Ich wurde bekannter, erfolgreicher und gleichzeitig glücklicher. Weil ich mit meiner Art und meiner Motivation andere begeistern konnte. Wen würde das nicht glücklich machen?

Gleichzeitig ist aber auch etwas anderes entstanden. Die Leute haben mehr über mich gesprochen. Es wurden unschöne Dinge gesagt. Der Neid wurde größer. Ganz klar, ich habe den Menschen durch meine offene Art ja auch mehr Angriffsfläche als vorher geboten. Eigentlich etwas, über das ich absolut drüber stehen kann. Bis wirkliche Freunde, sogar Familienmitglieder mich angesprochen haben, ich sei ihnen fremd geworden, weil ich mich so verändert habe. Natürlich wurde mir das meistens nicht direkt ins Gesicht gesagt. Und das hat mich dann wirklich verletzt. NATÜRLICH habe ich mich verändert – ich verändere mich hoffentlich jeden Tag. Wenn ein Mensch zu mir sagt „bleib wie du bist“, dann muss ich den Kopf schütteln. Ich sage viel mehr „sei wie du wirst“. Freunde, in deren Beziehungen „Frau Herz“ nie eine Rolle gespielt hat, haben mich plötzlich für das verurteilt, was sie da draußen gesehen haben. Ich sei aufgesetzt. Ich sei abgehoben. Ich sei größenwahnsinnig. Ich sei eingebildet. Muss ein Workshop denn wirklich in der DomRep sein? Wozu brauchst du so ein teures Auto? Wen interessiert das eigentlich, was du da auf Instagram erzählst? Findest du dich nicht ein bisschen unauthentisch? Findet dein Mann das nicht ziemlich scheiße, dass du ihn so oft alleine lässt? Wie viel Geld verdienst du eigentlich mit etwas, was du gar nicht gelernt hast? Du hast ja auch einfach nur Glück, oder? Willst du nicht langsam mal an Kinder denken? Und wie, schon wieder Urlaub? 

Freunde schauen mich an und sagen: „das bist doch nicht du“. Und ich kann euch sagen: DOCH, SO BIN ICH AUCH! Das sind alles Teile von mir. Und diese Teile ergeben ein Bild. Ich bin das alles. Ich bin Alexandra und Frau Herz und auch noch Alexandra Richter. Ich bin Tochter und ich bin Ehefrau, Freundin und Schwester. Ich bin laut und ich bin leise. Ich bin anders und ganz normal. Wir Menschen bestehen doch aus tausend verschiedenen Stücken, die ein Ganzes ergeben. Es ist alles Teil von mir. Aber bitte, bitte reduziert mich nicht auf nur einen Anteil.

Wenn ich mich irgendwo in einer Werbeagentur in ein enges Kleid quetsche, mit High Heels und roten Lippen einem Manager, in irgendeinem Konferenzraum, in den Arsch krieche, verurteilt mich dann jemand dafür? Nein. Weil es niemand da außen mitbekommt. Das ist ja ein Teil meines Jobs. Da ist es okay, weil es hinter verschlossenen Türen passiert. Menschen da draußen, Freunde, Fremde, flüchtige Bekannte, sie meinen, dass das, was sie von mir im Internet sehen, alles ist. Menschen denken, nur weil ich im Winterwonderland mit einem Husky spazieren gehe, ist mein Leben grad perfekt. Fremde urteilen über meine Ehe, meine Fürsorglichkeit. Außenstehende lassen sich blenden durch den Glanz des Lebens in Social Media. Und ganz ehrlich? Ich kann das sogar verstehen! Alle Menschen, deren Job mit Social Media und Selbstvermarktung zu tun hat, posten natürlich so, wie sie außen wahrgenommen werden wollen. Die Reflexion einer glatten Oberfläche. Aber seid euch darüber bewusst, dass unter jeder Oberfläche etwas viel tieferes liegt. Das, was ihr im Internet, von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, seht, ist nicht die volle Wahrheit. Sie sind viel mehr als schöne Bilder auf Instagram, das perfekte Outfit zum Lunch oder ein weises Zitat unter dem letzten Blogpost. Es wird immer Außenstehende geben, die reden, die lästern, die urteilen. Sie urteilen über das, was Social Media ihnen vermittelt. Und sie lassen sich blenden, anstatt das Telefon in die Hand zu nehmen und zu sagen: „Hey, geile Husky Tour, aber sag mal, was steckt eigentlich wirklich dahinter, dass du permanent nur unterwegs bist?“

Ich nehme euch mit in die Berge, zeige euch meine Leidenschaft. Ich lasse euch Teil haben an meinem Leben – mit all den verschiedenen Seiten. Ich gehöre nicht zu den Menschen in der Social Media Welt, die durchaus nur oberflächlich ihr perfektes Leben zeigen. Im Gegenteil. Ich habe euch an den Momenten der Trauer teil haben lassen, an Fehlern, aus denen ich gelernt habe. Ich habe ganz offen über meine Depression und meine Panikattacken geschrieben. Ich fotografiere Menschen, die unheilbar krank sind, Menschen mit schlimmen Geschichten, Menschen, die nicht perfekt sind und versuche immer ein möglichst vielschichtiges Bild des Lebens ins Internet zu transportieren. 

Warum schreibe ich das hier alles eigentlich und um was geht es bei diesem Blogpost eigentlich wirklich? 

Ich habe gut gelernt damit zu leben, dass hinter meinem Rücken gesprochen wird. Ich würde lügen, wenn ich sage, es verletzt mich nicht immer wieder mal. Ja, manchmal tut es weh. Aber es macht mich jedesmal stärker. Denn eure Worte, euer Feedback und das Vertrauen, welches ihr mir entgegenbringt, berühren mich. Und dafür möchte ich euch danken! Und ich möchte den Menschen danken, die in den letzten zwei Wochen uneingeschränkt für mich da waren. Freunde, die schier aus dem Nichts kamen. Menschen, denen es egal ist wie viele Likes ich auf Facebook habe oder wie schön mein letzter Trip in die Kälte war. Das Leben besteht aus vielen Abschieden, das habe ich oben ja geschrieben. Aber es besteht auch als vielen neuen Begegnungen. Vielen neuen Einladungen. Und ich bin so dankbar, welche Freundschaften in den letzten zwei Jahren über Social Media entstanden sind. Das ist etwas so unglaublich wunderschönes, wertvolles und besonderes, dass es kaum in Worte zu fassen ist.

Was ist euch sagen möchte ist: glaubt nicht alles, was ihr konsumiert. Das Internet ist eine Plattform, in der jeder die Möglichkeit bekommt, sich so darzustellen, wie er gesehen werden möchte. Freut euch von Herzen über den Erfolg, wenn dieser Mensch euch etwas bedeutet. Aber vergesst nicht, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben viel wertvoller sind als 1000 Likes auf ein Instagram Foto. Likes bezahlen keine Miete, schöne Outfits machen dein Herz nicht glücklicher. Lasst euch nicht verletzen von dem Erfolg und dem Ansehen anderer Menschen. Ihr seid alle wundervoll. Ganz egal ob für den Menschen, der morgens neben euch aufwacht, oder für tausend andere im Internet. Geht raus, lebt das Abenteuer, das auf euch wartet. Erschafft euch heute die Erinnerungen, an die ihr in zehn Jahren denken möchtet. 

 

Lasse dich fallen. Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die “ja” sagen und
Verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst
mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich “verantwortlich” zu sein.
Tue es aus Liebe.
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib weiter Geld aus. Mache es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei. Lache eine Menge.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantastische Träume.
Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu. Öffne dich. Tauche ein.
Sei frei. Preise dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kinde in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

Joseph Beuys: How to be an Artist

 

Danke an SheInside, Sassy Classy und Forever 21 für die tollen Outfits! | Location: Joshua Tree, National Park